Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen18. September 2026
Ein Lob der Kirche
Warum Europa den Mönchen seinen Wohlstand verdankt
Als Marco Polo im späten 13. Jahrhundert China besuchte, nannte er Hangzou »die größte Stadt, die es gibt oder je gegeben hat«. Die Einnahmen des Großkhans aus der Salzsteuer seien höher als die irgendeines christlichen Königs.
Fünfhundert Jahre später, zur Zeit des großen europäischen Aufklärers Adam Smith, galt China dagegen als stagnierende Wirtschaft, die immer weiter hinter Westeuropa zurückfiel.
Holzschnittartig gesagt: Um 1000 ist China in fast jeder Hinsicht Europa überlegen. Um 1800 ist Europa China weit voraus.
Die Erklärung dieser Fortschritts- und Wohlstandskehre gehört zu den großen Rätseln der Geschichte. Generationen von Historikern haben versucht, »The Great Divergence« zu erklären, eine fast tausend Jahre klaffende Wohlstandsdifferenz zwischen China und Europa. Überzeugende Deutungen dieses Rätsels sind heute deshalb besonders brisant, weil sich womöglich die Asymmetrien jetzt umkehren – und womöglich abermals tausend Jahre währen könnten.
Was wurde nicht alles in die Debatte geworfen: Mal sollte es der Atlantikhandel (Sklaverei!) gewesen sein, der Europa reich machte. Mal galt die Idee, die Kohlevorräte in der Erde zu fördern, als Voraussetzung des europäischen Wirtschaftswunders. Eine mir besonders sympathische Deutung stammt von dem Wirtschaftshistoriker Eric Jones (»The European Miracle«, 1981): Für Jones war es die politische Fragmentierung Europas, insbesondere der Wettbewerb zwischen den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, der der Zentralisierung des chinesischen Großreiches langfristig überlegen war. In der Diskussion hält sich weiterhin Max Webers These vom Kapitalismus fördernden Geist des Protestantismus.
Clan oder Korporation?
Wer sich in diesem überfischten Meer der Deutungen tummelt, von dem werden Originalität und intellektuelle Kreativität erwartet. Das unlängst erschienene Buch »Two Paths to Prosperity« der Wirtschaftshistoriker Avner Greif, Joel Mokyr und Guido Tabellini leistet diese schöpferische Zerstörung älterer Theorien. Die drei Autoren sind anerkannte Forscher – Mokyr erhielt 2025 den Ökonomie-Nobelpreis. Aus ihren bisherigen Arbeiten durfte man erwarten, dass sie kulturellen Entwicklungen und der Evolution politischer und rechtlicher Institutionen besondere Erklärungskraft zuschreiben. So kommt es dann auch. Doch um welche Institutionen es sich dabei handelt, das ist ziemlich aufregend.
Zunächst: Europa hat China deutlich früher eingeholt als lange angenommen: Ausgerechnet im christlichen Mittelalter, das in unaufgeklärten Kreisen bis heute als finster gilt. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts wäre dann Folge, nicht Ursache der Divergenz.Dreh- und Angelpunkt für die Forscher ist der Gegensatz zwischen Clans und Korporationen. In China dominierten Familienbünde die Politik und Wirtschaft, während in Europa familienfremde Institutionen das Leben bestimmten. Diese Korporationen erwiesen sich langfristig anpassungsfähiger als die Clans.
Clans beruhen auf Abstammung, Verwandtschaft und gemeinsamen Ahnen. Sie bieten soziale Sicherheit, Ausbildung, Kredit und Konfliktregelung auf der Basis familiären Vertrauens. Einem Clan gehört man durch Geburt an; man kann in ihn weder ein- noch austreten. Lange Zeit funktionierte dieses System in China hervorragend.
Doch langfristig hatte das Clansystem einen Nachteil. Es erzeugte enges Vertrauen innerhalb der Verwandtschaft, aber nur begrenzt darüber hinaus. Mit wachsender Arbeitsteilung wurden Gesellschaften erfolgreich, die Menschen in immer neuen Organisationen zusammenführen konnten. Dem kam entgegen, dass in Europa Familienbande zunehmend schwächer wurden, woraus auf Dauer ein wirtschaftlicher Vorteil resultierte. Verantwortlich dafür waren ausgerechnet die christlichen Klöster und damit verbunden das kirchliche Eherecht. Schon seit der Spätantike verbot die Kirche die Cousinen- und Schwagerehe, bei der die Witwe den Bruder ihres verstorbenen Mannes heiratet. Das war eigentlich ökonomisch sinnvoll: Die Witwe bleibt versorgt, Kinder bleiben in derselben Abstammungslinie, der Clan verliert kein Eigentum. Solche Clanstrukturen hat die Kirche schrittweise untergraben. Zugleich – ziemlich revolutionär – durfte eine Ehe nur mit Zustimmung der Partner geschlossen werden. Das kirchliche Eherecht erzeugt die soziale Nachfrage nach Korporationen.
Der Klerus schwächt die Familie: gut so.
Die Folge: Die Schwächung der Familie ausgerechnet durch den Klerus nötigte die Menschen in Europa zu Kooperationen außerhalb der Familie – also mit Fremden. Der christliche Universalismus – jeder kann mein Nächster sein – erweiterte den wirtschaftlichen Radius. Die Kirche half unbeabsichtigt, dauerhaft Organisationen außerhalb von Familie und Staat zu etablieren. So entstanden Zünfte, Universitäten, Handelsgesellschaften bis hin zur Aktiengesellschaft – alles Organisationen, in denen Menschen miteinander »regelbasiert« kooperierten, ohne miteinander verwandt zu sein.
Klöster als Vorläufer der AG? Das muss man erst einmal bringen. Dass Kirche und Zünfte im Lauf der Geschichte in Orthodoxie erstarrten und Konkurrenz verhinderten, ist für die Autoren kein Einwand. Sie sagen nicht: Korporationen sind per se gut. Sie sagen lediglich, eine Gesellschaft, die so flexibel ist, ständig neue Korporationen hervorzubringen, ist gut. Als die Kirche sich später Markt und Wettbewerb widersetzte, entstanden wirtschaftsfreundliche Akademien, wissenschaftliche Gesellschaften und Universitäten neuen Typs, die der Aufklärung und nicht der Dogmatik verpflichtet waren. Die Erben dieser Familienbande sprengenden Korporationen schufen die Voraussetzung für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und repräsentativ-liberaler Demokratie.
Will man Greif, Mokyr und Tabellini ihre steile These abkaufen? Sie ist gewöhnungsbedürftig, hat aber gute historische Vorarbeiten auf ihrer Seite.
Heute beweist China, dass auch hierarchische Systeme Innovationen hervorbringen können. Kommt jetzt also wieder ein Jahrtausend Chinas? Greif, Mokyr und Tabellini bleiben der universalistischen Institutionenidee Europas treu: »Demokratien sind langsam und konfliktreich, aber sie enthalten Mechanismen des Lernens und der Fehlerkorrektur«, sagte Guido Tabellini jüngst in einem Interview. Innovationen erfordern Fehlertoleranz, Dissens und Wettbewerb zwischen Ideen. Autoritär-hierarchische Systeme fördern langfristig eher das, was den Machthabern nützt als das, was sie infrage stellt.
Europas größte Gefahr besteht darin, dass seine politische Fragmentierung – einst seine Stärke – es heute gegenüber größeren und aggressiven Mächten besonders verwundbar macht. Chinas Gefahr ist das Gegenteil: seine außerordentliche Leistungsfähigkeit könnte Schwierigkeiten bekommen, deren institutionellen Grundlagen zu erneuern. Das Spiel ist offen.
Rainer Hank
