Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen06. November 2026
Die Wiederentdeckung des Arbeiters
Die AfD, der Audi Quattro und Wolfgang Streeck
Was ist nur mit dem Arbeiter los? Früher war auf ihn Verlass. Der Arbeiter war ein kampferprobter Mann. Malocher zu sein, war eine Auszeichnung. Dass der Fabrikant auf ihn angewiesen war, begründete seinen Stolz. Dass die White-Collar-Leute, die damals noch nicht Manager genannten Angestellten in Schlips und weißem Hemd, von ihm abhängig waren, war ohnehin klar. Er zahlte pünktlich seinen Gewerkschaftsbeitrag, das Parteibuch kam von der SPD (zuweilen auch von den Kommunisten). Der Arbeiter wusste: Er muss für seine Rechte und für seinen Lohn kämpfen. Geschenkt wird einem nichts.
Ich kann mich erinnern, mit welchem Respekt in den Anfangsjahren meines Journalistenlebens von und mit den Druckern geredet wurde. Die verstanden sich als Elite der Arbeiterbewegung und hatten Macht. Sogenannte Metteure, die dafür zuständig waren, dass der via Bleisatz erstellte Artikel auch auf die Zeitungsseite passte, entschieden, wie viele Zeilen eines Textes am Ende ihrer Kürzung zum Opfer fielen. Ratsch machte ihr scharfes Messerchen – und die überzähligen Zeilen fielen zu Boden.
Ein wenig Verklärung mag in diesem Porträt des Arbeiters stecken. Aber heute? Seit langem schrumpft die Arbeiterschaft; die Angestellten haben die Mehrheit übernommen. Die Gewerkschaften verlieren Mitglieder. Die SPD verliert Wähler aus der Arbeiterschaft. Bei der Bundestagswahl 2025 entschieden sich überdurchschnittlich viele Arbeiter für die AfD, nämlich 38 Prozent. 22 Prozent wählten CDU/CSU, für die SPD stimmten gerade noch 12 Prozent.
Der Arbeiter fühlt sich bedroht. Zukunftsangst tritt an die Stelle von Stolz. Zum Niedergang der alten Industrie kommt die Angst vor KI. Die AfD hat das früh erkannt, gespürt, dass mit Umverteilungsversprechen allein bei den Arbeitern nicht mehr zu punkten ist. Die Partei von Alice Weidel gibt sich als Anwalt der »kleinen Leute«, die von »denen da oben« vernachlässigt wurden. Mit Begriffen wie Heimat, Familie und Leistung versprechen die Rechten, der verunsicherten Klasse ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben.
Die zuständige Kaste der Gesellschaftsanalytiker, die Soziologen und Ökonomen, haben die Migration der Arbeiter nach rechts lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen. In Erinnerung ist das Erstaunen des französischen Soziologen Didier Eribon, dessen Mutter, Fabrikarbeiterin in Reims, zeitlebens kommunistisch gewählt hat: Jetzt wählte sie den Front National von Marine Le Pen. Von den Linken fühlte sie sich verlassen. Statt »Wir, die Arbeiter«, hieß es nun »Wir, die Franzosen«.
Inzwischen sind die Sozialwissenschaftler aufgewacht. Der amerikanische Ökonomie-Nobelpreisträger Daron Acemoglu, Professor am MIT, klagt in seinem neuen Buch die linken akademischen Eliten an (zu denen er selbst zählt). In seinem in der kommenden Woche auf Deutsch erscheinenden Buch nennt er es erschreckend, wie wenig Interesse, geschweige denn Sympathie, Menschen mit Hochschulabschluss für die Arbeiterklasse zeigten. Das Problem sei die wachsende Entfremdung zwischen den gut ausgebildeten Teilen der Gesellschaft und dem Rest der Bevölkerung. Akademiker heiraten Akademiker, arbeiten in unterschiedlichen Unternehmen, ihre Wertvorstellungen driften auseinander. Kein Wunder, dass die Arbeiter sich von Rechten und Rechtsextremen angesprochen fühlen, erst recht, wenn die Linken ihnen verbieten wollen, sich von den Migranten bedroht zu fühlen.
Mit mehr Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen lassen sich die Arbeiter nicht wieder für die Mitte zurückgewinnen, so Acemoglu. Er will, dass bereits auf dem Arbeitsmarkt bessere Einkommen und gute Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen. Die Spielregeln sollten so verändert werden, dass Unternehmen wieder einen Anreiz haben, produktive und gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Er denkt an eine »pro worker KI«, eine künstliche Intelligenz im Interesse der Arbeiter, die menschliche Arbeit nicht ersetzt, sondern die menschlichen Fähigkeiten erweitert. Und er schwärmt vom »deutschen Modell« aus Mitbestimmung, dualer Ausbildung und Kurzarbeit, um Entlassungen zu begrenzen.
Einer, der sich sein ganzes Leben für das deutsche Modell und den Arbeiter stark gemacht hat, ist der Soziologe Wolfgang Streeck, emeritierter Professor am »Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung« in Köln. Aus Anlass seines 80. Geburtstags am 27. Oktober hat der aus nicht akademischen Verhältnissen stammende Streeck den gesellschaftlichen Wandel jetzt anhand seiner eigenen intellektuellen Biografie rekonstruiert. Auslöser seines Interesses war ein Klassenbesuch in den frühen sechziger Jahren bei den Opel-Werken in Rüsselsheim: »Sie haben uns erlaubt, in die Gießerei zu gehen. Die war bei den damaligen Autofabriken immer im Keller. Es war dunkel, die Funken sprühten, halbnackte Männer trugen Kübel mit flüssigem Metall herum.« Er habe gedacht, so der altsprachlich gebildete Schüler Streeck, er sei in der Hölle des Hephaistos gelandet.Streeck studierte in Frankfurt Soziologie. Mit der tonangebenden Frankfurter Schule konnte er wenig anfangen. Adorno und Horkheimer, den Heroen von damals, wirft er dieselbe elitäre Abgehobenheit vor, die Acemoglu der heutigen links-akademischen Elite attestiert. Viel lieber, so Streeck, habe er damals in Partei- und Gewerkschaftskreisen herumgehangen.
Streeck hat den deutschen Industriearbeiter nicht nur als Opfer kapitalistischer Ausbeutung gesehen. Sondern als Motor des industriellen Fortschritts. Interessant ist seine Deutung der Volkswagenkrise der 70er Jahre, die heute kaum einer mehr kennt. Der Käfer hatte ausgedient. Der IG Metall habe die Entwicklung des Audi Quattro – weit mehr als ein Fahrzeug mit Allradantrieb – als technisch diversifizierte Alternative zur Massenproduktion billiger Kleinwagen aktiv unterstützt. Wer teure Autos baut, kann gute Löhne zahlen. Streeck prägte dafür den Begriff »beneficial constraints«, heilsamer Zwang: Hohe Lohnstandards, starke Gewerkschaften und anspruchsvolle Qualifikationsanforderungen sollen die »kreative Fantasie des Kapitals« anregen. Damals war mehr Optimismus als heute – beim Management und bei der IG Metall.
Dass die Soziologie die Welt verändern könne, diese Hoffnung seiner Generation hat Streeck inzwischen weitgehend aufgegeben. Mit dem Zerfall der Gewerkschaften, der Mitbestimmung und der Tarifverträge ging auch der alte Zukunftsoptimismus verloren. Wie Acemoglu plädiert Streeck dafür, den Nationalismus der Arbeiter ernst zu nehmen, statt ihn als falsches Bewusstsein zu denunzieren. Während Acemoglu auf eine Renaissance der Arbeiterklasse hofft, bleibt Streeck skeptisch. Aber neugierig.
Rainer Hank
