Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen16. Januar 2026
Bohrtürme, Windbeute, Gutmenschen
Was Thilo Bode über Greenpeace und Foodwatch zu sagen hat
Erinnert sich noch jemand an Brent Spar? Das war vermutlich die spektakulärste Kampagne ever der Umweltorganisation Greenpeace. Brent Spar, so hieß eine stillgelegte Öl-Lagerboje von Shell in der Nordsee, die 1995 im offenen Meer versenkt werden sollte. Greenpeace-Aktivisten besetzten die Plattform. Es folgten massive Proteste, Boykotte gegen Shell-Tankstellen und eine öffentliche Debatte über den Umgang mit Industrieabfällen im Meer. Shell gab den Plan schließlich auf und ließ Brent Spar an Land zerlegen und entsorgen.
Die Brent-Spar-Bilder gingen um die Welt. Der Mann, der damals an der Spitze von Greenpeace Deutschland stand, heißt Thilo Bode. In seiner kürzlich erschienenen Autobiografie spielen die Ereignisse von vor dreißig Jahren eine große Rolle: »Schlauchboote nähern sich der Ölplattform, während zwei Schiffe aus vollen Rohren mit Wasserkanonen schießen, um die Besetzung der Plattform durch die Aktivisten zu verhindern.«
Alles wirkt wie ein Film auf großer Kinoleinwand. Dazu gesellt sich die passende Erzählung. Es ist die biblische Geschichte von David und Goliath. Hier der Öl-Multi mit seinen Milliardenumsätzen, dort die kleine Umweltorganisation, eine NGO (Nichtregierungsorganisation), die um Spendengelder betteln muss. Da weiß man gleich, wo die Bösen und wo die Guten sind; die Ungleichverteilung der Emotionen ist gesichert.
Auf dem Platz des himmlischen Friedens
Bodes Lebenserzählung liest sich spannend, was man nicht von jeder Autobiografie behaupten kann. Der Achtundsiebzigjährige hat etwas zu erzählen. Das Buch regt zugleich zum Nachdenken an über den problematischen Anspruch von NGOs, ihre Nähe zum Lobbyismus und ihre systemischen Widersprüche.
Bode, weder Gutmensch noch Aktivist, trat meist mit Anzug und Schlips und wie ein Manager auf. Studiert hat er Volkswirtschaftslehre. Bode weiß, dass eine NGO spontimäßig auftreten muss, sich organisationssoziologisch und ökonomisch aber nicht von einem Konzern unterscheidet. Es braucht professionelle Fundraiser, die für die Einnahmen zuständig sind, es braucht packende Kampagnen und es braucht Controller, die für Effizienz zuständig sind.
Mit solchen Fähigkeiten hat Bode sich bei seinen Kollegen nicht nur Freunde gemacht. Er ist aber auch ein Abenteurer. Spektakulär, wie er zusammen mit anderen Aktivisten im August 1995 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking ein fünf Meter langes Transparent entrollte, das auf englisch und chinesisch die Aufschrift trug: »Stoppt alle Atomversuche«. Nach nur wenigen Minuten wurden die Transparente von zivil gekleideten Polizisten entfernt – Bode und seine Mitstreiter wurden festgenommen und abgeführt.
Bode verrät, dass Helden vor ihren Großtaten meist große Angsthasen sind. Zuweilen lässt er sich von der Erinnerung romantisch-schwärmerisch davonreißen: »Unvergesslich, auf dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior II bei Vollmond durch das Südchinesische Meer von Hongkong nach Hiroshima zu gleiten.«In seinem dritten Leben – im ersten war Bode Entwicklungshelfer, im zweiten Greenpeace-Chef – wurde er 2001 Gründer eines Startups: Mit Foodwatch, einer Verbraucherschutz-NGO, zeigte er lange vor der heutigen Hafermilchkohorte Gespür dafür, dass eine Wohlstandsgesellschaft sich mit großer Hingabe um die richtige und gesunde Ernährung sorgt. Ein gefundenes Fressen für eine NGO. Als Ökonom kennt er sich zugleich mit Informationsasymmetrien aus: Weil der Kunde nicht wissen kann, was Nestlé oder Kraft in ihren Schokoriegeln drin haben, konnte Foodwatch als Anwalt der Verbraucher mit der Forderung einer Nahrungs-Ampel (Zucker, Fett und Salz) Bekanntheit gewinnen. Foodwatch stellt Transparenz her. Mit dem »Goldenen Windbeutel« wird jährlich das dreisteste Marketing-Märchen aus der Lebensmittelindustrie prämiert.
Simplifizierung ist das Geschäft der Aktivisten. Allzu kompliziert darf es nicht werden, sonst steigt der Kunde aus. Doch plakativ allein reicht auch nicht. Was die Klimakleber der »Letzten Generation« machen, ist auch plakativ. Doch, was die Verkehrsblockade mit dem Klimawandel zu tun haben soll, wird den genervten Autofahrern nicht einsichtig. »Zur Durchsetzung von Umweltzielen braucht man die Mehrheit der Gesellschaft«, schreibt Bode. Womit er Recht hat. Wenn er freilich der Meinung ist, NGOs seien Agenturen des »Gemeinwohls«, dann überzieht er sein selbstermächtigtes Mandat. Bodes erbitterter Widerstand gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA mag als »Meinung« durchgehen, den verkappten Protektionismus als »Kampf für die Demokratie« zu camouflieren, lasse ich ihm nicht durchgehen.
Auf keinen Fall Staatsgeld nehmen
Dass eine Nichtregierungsorganisation kein Staatsgeld nehmen dürfe, wie Bode betont, leuchtet sehr ein. Sonst würde sie zu einer verkappten staatlichen Lobbyorganisation. Staatsferne und Staatsgeld vertragen sich nicht, auch wenn der öffentliche Rundfunk oder die diversen Demokratie- und Umweltinitiativen dies bis heute nicht verstehen wollen. Denn dann ist die politische Neutralität versaut. Man lässt sich politisch instrumentalisieren (einerlei, ob für die Konservativen oder die Linken) und zugleich zähmen.
Auch ohne Staatsgeld ist Greenpeace in Deutschland enorm gewachsen: 1989 hatte der deutsche Zweig ein Spendenbudget von 32 Millionen Euro und 80 festangestellte Mitarbeiter. Heute sind es 86 Millionen und 323 Vollzeitbeschäftigte. Damit sitzt man in der Wachstumsfalle. Je mehr Fördermitglieder eine Organisation hat, desto mehr Geld muss sie aufwenden, um nur den Status quo zu erhalten. Obendrauf kommen Ausgaben für das Werben neuer Mitglieder, während die Fixkosten für Mitarbeiter und Mieten steigen. Kurzum: Immer mehr Mittel werden fürs Fundraising und die eigene Bürokratie aufgewandt relativ zum politischen Kerngeschäft. Das führt in die »Selbstabschaffungs-Paradoxie«: NGOs verschwinden selten.
Transparenz herzustellen ist Kerngeschäft der NGOs; Kampagnen sind die zugehörigen Instrumente. Es muss mich nicht interessieren, woraus meine Weißwurst besteht; aber es könnte interessant sein. Das Argument der ehemaligen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, man dürfe dem Bürger nicht vorschreiben, was er zu essen habe, entlarvt Bode mit Lust als obrigkeitsfixiertes Menschenbild. Informationen seien keine Vorschriften, entgegnet er und überschweigt seinerseits, dass solche Kampagnen uns Weißwurstesser in die moralische Enge treiben wollen.
Ebenso lustvoll zertrümmert Bode den gängigen Vorwurf, NGOs seien nicht demokratisch legitimiert. Warum sollten sie das sein? In einer freien Welt gibt es Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Das reicht. Dass es überall demokratisch zugehen müsse, hämmern uns die mit viel Staatsgeld gepamperten Demokratie-Lobbyisten ein. Dagegen müsste man dringend eine NGO gründen.
Rainer Hank
