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  • 30. März 2026
    Der Cem und die schwäbische Oma

    Cem, der Bube, im schwäbischen Urach um 1970. Foto privat

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über die Bedingungen von Integration und Assimilation in Deutschland

    Cem Özdemir ist fest entschlossen, der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln zu werden. Manuel Hagel, sein Konkurrent mit schwäbischen Wurzeln, wird sich noch eine Weile zieren, dann aber knurrend einem Koalitionsvertrag zustimmen.

    Cem Özdemir hat sich das Label »anatolischer Schwabe« angeheftet, was ihm in migrantischen Milieus weniger Freunde macht als in schwäbischen. Wie hat Özdemir, Sohn türkischer Gastarbeiter, den Weg aus Urach am Rande der Schwäbischen Alb (damals noch nicht »Bad Urach«) in die Villa Reitzenstein geschafft, dem Regierungssitz in bester Stuttgarter Halbhöhenlage? Wäre so eine Karriere heute leichter oder schwerer als damals?

    Begeben wir uns zurück in die sechziger Jahre der alten Bundesrepublik. Das vom Wirtschaftswunder verwöhnte Deutschland brauchte dringend Arbeiter. Mit dem deutsch-türkischen Anwerbeverfahren vom 31.Oktober 1961 kamen auch Özdemirs Eltern nach Deutschland, jeder auf seinen eigenen Wegen: Der Vater aus einfachen Verhältnissen in einem entlegenen Dorf, die Mutter aus einer bürgerlichen Familie in Istanbul. Das Anwerbeabkommen funktionierte planwirtschaftlich, die »Gäste« wurden zugewiesen, je nachdem, wo Bedarf war. So landete Vater Özdemir in Urach in einer Firma, die Feuerlöscher herstellte. Die Mutter arbeitete in einer Papierfabrik, später machte sie sich selbständig und eröffnete eine Änderungsschneiderei. Die Eltern sprachen miteinander türkisch, deutsch beherrschten sie nur rudimentär.

    Der Sohn Cem kommt 1965 auf die Welt. Die Integrationsbedingungen waren nicht rosig. Das Kind wurde in der Schule gehänselt. Ein Vorteil war, dass es in Urach kein homogenes Migrationsmilieu gab, so wie in Berlin-Kreuzberg. Der Ort war schwäbisch-pietistisch geprägt. Man hat sich anzustrengen, muss etwas leisten: Disziplin ist die Voraussetzung eines gottgefälligen Lebens. Aber auch: »Man hat sich um andere zu kümmern, das gehört sich so.« So hat Özdemir es mir vor Jahren in einem Interview für die FAS erzählt. Einen Leistungsdruck gab es von zuhause schon: »Wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte oder einen Eintrag ins Klassenbuch bekam, schwebte über mir das Damoklesschwert: Du kommst in die Türkei.«

    Die Moral und Disziplin der Pietisten

    Die Drohung mochte als Leistungsantrieb genügen. Hilfe konnten die Eltern dem jungen Cem aber nicht geben. Die kam von den schwäbischen Pietisten. »Ich hatte einen Mitschüler, dessen Oma uns immer zum Wandern mitnahm. Das hat mir gutgetan, dass ich meine Zeit anders verbringen konnte als vor dem Fernseher oder auf der Straße.« Diese Oma schaute darauf, dass Cem seine Hausaufgaben machte, so wie die eigenen Enkel. Da strengt der Cem sich an, will nicht zurückstehen.

    Die schwäbische Oma ist glücklicher Zufall. Das Muster des Zufalls ist von Bildungsökonomen gut untersucht. Natürlich spielen Schule und gute Lehrer eine große Rolle. Fast noch wichtiger aber ist der außerschulische Austausch, der Kontakt in andere Milieus, schreibt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Raj Chetty: Gemischte Nachbarschaften funktionieren als Integrationsermöglicher und sind Voraussetzung sozialer Mobilität.

    Muhterem Aras, geboren 1966 in Elmaağaç, hat mir eine ähnliche Geschichte erzählt. Bundespolitisch ist sie weniger bekannt als Cem Özdemir. Seit zehn Jahren ist die Grünen-Politikerin Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Der Vater kam als Gastarbeiter aus einer ostanatolischen Bauernfamilie nach Sielmingen auf den Fildern bei Stuttgart. Später hat er seine Frau und die fünf Kinder nachgeholt. Die Mutter blieb zeitlebens Analphabetin, konnte bis zum Ende ihres Lebens weder lesen noch schreiben. In der schwäbischen Nachbarschaft gab es die Christel: »Wir waren fast jeden Tag bei ihr, haben viel ferngesehen und Pucki-Bücher gelesen, was sehr hilfreich war.« Sonntags haben Christels Eltern die anatolischen Nachbarskinder mitgenommen zu Ausflügen. »Sie sind sogar mit uns in die neue Stuttgarter Staatsgalerie gegangen. Sie gingen auch mit uns ins Restaurant. Oder ins Schwimmbad. Und meine Freundin Sabine hat mich in die evangelische Jungschar mitgenommen.«

    So geht Bildungsaufstieg. So geht Assimilation. Lesen, schreiben und rechnen in der Sprache der neuen Heimat sind Voraussetzungen von Integration. Werte, Haltungen und Umgangsformen lernt man nicht so sehr in der Schulklasse kennen, sondern vielmehr bei den Omas, den Eltern der Christels und Sabines und in der evangelischen Jungschar.
    Ist das alles heute leichter geworden? Ja, wenn man nur auf die aggregierten Zahlen schaut. In der ersten Generation der »Gastarbeiter« waren rund vierzig Prozent ohne schulischen Abschluss, weniger als fünf Prozent hatten Abitur. In der zweiten Generation – also der Generation Cem Özdemir und Muhterem Aras – sind nur noch zehn bis fünfzehn Prozent ohne Bildungsabschluss; 20 Prozent haben Abitur. Der Abstand zur Gesamtbevölkerung schrumpft (fünf Prozent ohne Abschluss, 35 Prozent mit Abitur). In der nächsten Generation wird sich das mutmaßlich weiter angleichen.

    Das Kita-Paradox

    Aber die Omas in der Nachbarschaft, die den Wertekanon tradieren? Da geben neuere Untersuchungen über regionale Ungleichheiten zu denken. Pauschal gesagt: Die Chancen, eine schwäbische Oma oder eine Christel kennenzulernen, schwinden. Milieus werden homogener. Die Chancen schwinden, Kinder aus deutschen Mittelschichtsfamilien kennenzulernen, deren Eltern einen ins Museum mitnehmen.

    Das fängt schon früh an: Eine gemeinsam vom Institut der deutschen Wirtschaft und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie (»Sozioökonomische Segregation und Kitaversorgung«) spricht vom »Kita-Paradox«. Seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf Betreuungsplätze ab im Jahr 2008 sprießen die Kitas vor allem in Vierteln, in denen bessergestellte Familien wohnen, zulasten solcher mit geringem Einkommen und höherem Migrationshintergrund. Ein ähnliches Ergebnis förderte Anfang des Jahres eine Untersuchung der F.A.S zutage: Weiterführenden Schulen sind in Mittelschichtsquartieren deutlich näher erreichbar als in Gegenden mit einem hohen Anteil sozial schwacher Familien.

    Die Ursachen für das Kita- und Gymnasiums-Paradox liegen weitgehend im Dunkeln. An der staatlichen Finanzierung liegt es nicht. Klar ist nur: Die Mittelschichten bleiben gerne unter sich; die soziale Infrastruktur folgt der Mittelschicht: dort gibt es die Sportvereine, die Musikschulen und Kulturangebote. In den Migrantenmilieus finden sich heute weniger Omas und Christels.

    Die räumlichen Erschwernisse des Bildungsaufstiegs für Migranten weiter zu erforschen und zu verändern, – das könnte ein Auftrag für den ersten grünen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund werden.

    Rainer Hank