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  • 25. Februar 2026
    Boomer, raus aus eurer Altbauwohnung

    Hohe Decken, Stuck, Erker – und gar nicht so teuer Foto Lukinski

    Dieser Artikel in der FAZ

    Ein Lehrstück über Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Umverteilung

    Boomer-Bashing ist in Mode. Generationenkonflikte sind nichts Neues; es gab sie zu allen Zeiten. Wechselseitig hält man sich Privilegien vor; wechselseitig ist man beleidigt, nicht angemessen für seine Leistungen gewürdigt zu werden.

    Der Begriff der Boomer ist unscharf. Gemeinhin fallen darunter die Jahrgänge 1955 bis 1970. Es gibt auch Früh- und Spätboomer. Boomer waren immer die Vielen, statistisch sind sie die geburtenstärkste Kohorte Deutschlands, Kinder des Wirtschaftswunders, die selbst viel weniger Kinder auf die Welt gebracht haben als ihre Eltern. Jetzt verlassen sie den Arbeitsmarkt und bevölkern die Kreuzfahrtschiffe. Sie haben ihr Leben lang gut verdient und finden, dass sie das auch verdient haben. Schließlich hinterlassen sie den Nachgeborenen eine bessere Welt: Mehr Bildungschancen, bessere Gesundheit, (noch) ausreichend Arbeit für alle, Restaurants um die Ecke mit Speisekarten aus aller Herren Länder. Dass die Zukunft insgesamt unsicherer geworden ist – was können wir dafür?

    Generationenkonflikte ziehen Verteilungsgefechte nach sich. Verteilungskonflikte werden in der Regel als Nullsummenspiele verhandelt und durch Umverteilung zu lösen versucht: Die einen bekommen zu viel, die anderen müssen entsprechend viel abgeben. Das bekannteste Konfliktfeld ist das Rentensystem. Zuletzt hat die schwarz-rote Koalition den Boomern einen garantierten Rentenerhöhungsanspruch zugesichert, den die Jüngeren zu tragen haben, komme, was da wolle.
    Warum die Politik solche Entscheidungen trifft, ist leicht zu sehen. Viele Boomer sind auch viele Wähler; es sich mit ihnen zu verderben, könnte mit Stimmverlusten verstraft werden. Dafür müssen die ganz Jungen jetzt die Verteidigung des Landes übernehmen; ihre Eltern und Großeltern hatten sich – ungleich weniger riskant – in der Friedensbewegung engagiert.

    Neuerdings schiebt sich ein weiterer inter-generationeller Verteilungskonflikt in den Vordergrund: Das Wohnen. Wohnungleichheit zwischen Alt und Jung lässt sich in Quadratmetern messen. Ein durchschnittlicher Boomer bewohnt 59 Quadratmeter, gerne mit Parkett. Die nachfolgende Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren hat 48 Quadratmeter zur Verfügung. Deutlich enger wird es für alle, die jünger sind als 45 Jahre.

    Die Alten profitieren von den günstigen Bestandsmieten

    Wie sind diese Ungleichheiten entstanden? Da kommt einiges zusammen: Die Boomer-Kinder sind aus dem Haus, ein Partner ist womöglich schon gestorben. Ihr Wohneigentum haben sie zu relativ günstigen Konditionen erworben (niedriger Kaufpreis, attraktive Finanzierungsbedingungen). Sind sie Mieter, profitieren sie von niedrigen Bestandsmieten und einem starken Kündigungsschutz. Gewachsene »Milieus« werden gehätschelt, von den Eigentümern beabsichtigte Modernisierungen werden erschwert, was faktisch als Mietendeckel funktioniert.

    Jetzt sitzen sie da, die Boomer, in den feinen Vierteln und wollen nicht weichen. Warum auch? Die Nachbarn sind nett, der Italiener um die Ecke begrüßt einen mit Handschlag. Jeder Umzug wäre mit hohen sozialen und finanziellen Kosten verbunden.

    Dementsprechend wächst der Widerstand gegen die vielen Alten in ihren günstigen Altbauwohnungen. Die Differenz zwischen Angebots- und Neuvermietungsmieten wächst. 2025 lagen einer Studie des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) die Median-Mieten für Bestandswohnungen in großen Städten bei gut 16 Euro pro Quadratmeter, während Neuvermietungen im Schnitt bei 23 Euro oder höher lagen – also rund 37 Prozent teurer als bestehende Wohnungen.

    Für Freunde der Umverteilung liegt die Konsequenz auf der Hand. Nehmt den Boomern ihren üppigen Wohnraum. Gerne drapieren sie derartige Zwangsideen als Akt der Solidarität mit den Jüngeren. Der mildeste Eingriff in die Freiheit der Bürger wäre der Wohnungstausch. Die in zentraler Lage wohnende Witwe, nahe von Schulen und Kitas, die sie nicht mehr braucht, macht ihre Wohnung frei für die junge Familie mit zwei Kindern. Als Steigerungsstufe könnte man es mit staatlichen Anreizen versuchen, ähnlich wie bei der »Aktivrente«, dem Steuernachlass für arbeitende Alte. Ich würde von »Mobilitätsprämie« sprechen, wäre ich Politiker: 4000 Euro Umzugshilfe für jedes Boomer-Paar, wenn sie ihre Wohnung räumen. Natürlich müsste den Eigentümern verboten werden, den jungen Neuankömmlingen die Miete zu erhöhen, was kein Problem sein dürfte, nachdem vergangene Woche auch das Bundesverfassungsgericht staatliche Eingriffe in den Preismechanismus offiziell guthieß. Dass dadurch die Nachfrage nach Wohnraum vergrößert, das Angebot aber verkleinert wird, ist den Richtern schnuppe. Es reicht ihnen, dass es »sozial« gemeint war.

    Sollten die Boomer immer noch nicht weichen, bliebe noch die Zwangsbewirtschaftung. Jedem erwachsenen Deutschen stünden per Gesetz, sagen wir 50 Quadratmeter Wohnfläche zu. Staatliche Wohnkontrolleure vermessen die Flächen; die anschließende Wohnraumzuweisung wird sich mittels KI einfacher lösen lassen als in der frühen Bundesrepublik oder der kommunistischen Sowjetunion, wo es so etwas schon einmal gab. Wer nicht weichen will? Na ja, da wird der Staat schon seine Mittel finden. Berliner Politiker mit ihren sozialistischen Vergesellschaftungsideen sind da schon ziemlich weit.

    Man muss es ins Absurde treiben, um die freiheitsfeindliche Zwangslogik dieser Gerechtigkeitstheorien vor Augen zu führen. Umverteilung ist immer Zwang. In der Regel ist es fiskalischer Zwang, beim Wohnen wird daraus rasch physischer Zwang.

    Man nennt es Marktwirtschaft

    Gibt es eine liberale Alternative zur Umverteilung? Die gibt es. Man nennt es Marktwirtschaft. Wenn die Nachfrage nach Wohnungen hoch ist, das Angebot aber niedrig und teuer, dann hilft nur: radikal neu bauen. Bauvorschriften entschlacken, Genehmigungsverfahren beschleunigen, Nachverdichtungen und Aufstockungen erleichtern. Umwandlung von Büros in Wohnraum vereinfachen. Den Charme von Wohnhochhäusern wiederentdecken.

    Das Boomer-Privileg schrumpft automatisch, wenn Wohnraum nicht mehr knapp ist. Ökonomisch ist nicht der Mieter das Problem, sondern die Knappheit. Zugleich müssen alle staatlichen »Schutzrechte« für Bestandmieten (Milieuschutz, Mietendeckel, Kündigungsschutz) abgeräumt werden, die den Preismechanismus am Wohnungsmarkt außer Kraft setzen. Genau diese Maßnahmen staatlicher Politik tragen dazu bei, dass jene Privilegien-Schere sich öffnet, die dieselben Politiker anschließend scheinheilig beklagen.
    Ungleichheiten können, müssen es aber nicht zwingend ungerecht sein. Umverteilung ist in aller Regel ungeeignet. Marktwirtschaftliche Preise sind in aller Regel eine faire Alternative. Das würde den Generationenkonflikt entschärfen und das Boomer-Bashing dämpfen.

    Rainer Hank